Heehyun Jeong – Bilder, Mi Yeon Zentgraf, 2014
Die Schönheiten der Welt liegen oft im Verborgenen und warten auf ihre Entdeckung. Begeben Sie sich auf Entdeckungsreise. Einer Reise durch eine scheinbar unentdeckte Welt der Pflanzen und der Natur. Wie eine mikroskopische Vergrößerung wirken die teils intensiven farbenprächtigen Gemälde der Künstlerin Heehyun Jeong auf den Betrachter ein. Erst bei näherer Betrachtung der Bildfläche werden scheinbar verborgene Formen und Strukturen sichtbar, lässt gegenständliche Fragmente erkennen, fragil herausgearbeitete Verästelungen knorriger Baumstämme, Äste und Laubwerk, die ineinander übergehen – Jeongs Werke sind zu einem großen Teil mit dem Zusammensetzen eines Puzzles vergleichbar. Der Künstlerin kommt es dabei weniger auf die Identifizierbarkeit an, als vielmehr auf den malerischen Abstraktionsprozess.
Heehyun Jeong (*1984) geboren und aufgewachsen in Südkorea beginnt 2010 ihr Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Dort kristallisiert sich bei ihr heraus, dass sie ihre eigenen Ausdrucksformen in verschiedenen Mal- und Drucktechniken findet. Die Künstlerin beschäftigt sich nach eigenen Angaben schwerpunktmäßig mit der Beobachtung von Phänomen, die sie in der Natur vorfindet und in bildlichen Darstellungen fasst. In Form von Ölgemälden, Radierungen und skizzenhaften Entwürfen entstehen Bilder, in denen der assoziative Verweis auf Pflanzen durch Farbintensität und vegetabilen Mustern wie Blattwerk und Verästelungen erzeugt wird, ohne diese Bildmotive tatsächlich abzubilden. Die Natur wird für Jeong zu einer Quelle künstlerischer Inspiration. Der Beginn ihrer Arbeiten bildet zunächst eine intensive und präzise Beobachtung, gefolgt vom eigenen Verständnis, der eigenen Interpretation zur Natur und Pflanzenwelt, verknüpft sich mit Jeongs imaginärer Sicht auf der Bildfläche und schafft dadurch ein unsichtbares Band zwischen Natur und Mensch, zwischen Leben und Vergänglichkeit. Ihr Schaffensprozess besteht in großen Teilen in der Kommunikation mit dem Bild. „Das Bild ist fertig, wenn zwischen meinem Willen und dem Willen des Bildes ein Konsens gefunden wurde.“¹
In Vorstudien, meist mit Bleistift auf Papier angefertigten skizzenhaften Zeichnungen, hält sie ihre ersten beobachteten Eindrücke fest. Jene Studien dienen ihr als „Dokumentation der Natur, als eine originale Sprache”² und bilden einen wichtigen Schrift in ihrem künstlerischen Schaffensprozess. Neben den genannten Materialien finden weitere ihre Anwendung – als Beispiele seien (Öl-)Farben und Druckplatten zu nennen, die sie auf vielfältige Art und Weise in ihren künstlerischen Arbeiten einsetzt. Jeong bezeichnet sich selbst als eine „klassische Malerin“³. Die zum Teil monumentalen, großformatigen Arbeiten der still wirkenden Süd-Koreanerin, meist ein subtiles Geflecht aus Farbspuren und Verwischungen mit abstrakten Motiven, die sich dem Betrachter einer eindeutigen Auslegung entziehen, überwältigen durch ihre farbliche und kompositorische Ausdruckskraft. Die Auswahl der Farben trifft die Künstlerin intuitiv, frei von Überlegungen.
Die Geschichte des Baums ist eng mit der Geschichte der Menschheit verknüpft. Bäume tragen Spuren aus längst vergangenen Tagen, an die sich womöglich kein Lebender mehr erinnern kann.⁴ Jeong setzt sich in ihren Werkserien Espe, 2013; Brigid, 2013 und Pendula, 2013 (Öl auf Leinwand), künstlerisch mit dem Mythos »Baum« auseinander. Sie erarbeitet Farbkompositionen, die in vielfachen aufgetragenen (Farb-)Schichten das Bildfeld in Teilen im All-Over strukturieren. Die Bildkomposition erstreckt sich im Wesentlichen über die gesamte Leinwand. Der Einsatz von Farben und Formgebung erzeugt Wahrnehmungen, die in Andeutungen verbleiben, zuweilen aber einen Hinweis auf eine bestimmte Gattung geben, so geschehen auch in Brigid II und Pendula VI. Die beiden Arbeiten der Künstlerin erinnern an einen knorrigen Stamm, fragil herausgearbeitet und steht symbolisch für das sensible Gleichgewicht von Natur und Mensch. Ähnlich einem vertikal heranwachsenden Baum »wachsen« auch die einzelnen, aber im Ganzen zu betrachtenden Arbeiten Jeongs, zu einem Gesamtwerk zusammen. Das an ein rot gefärbtes, auf den feuchten Waldboden fallende erinnernde Blattwerk in Espe III und Espe IV lässt den Herbst bereits erahnen. Die Äste und das Laubwerk greifen ineinander und sind für das Auge nur mehr schwer auseinanderzuhalten. In einem Winkel von 90° gedreht, erinnert Pendual VI auf den zweiten Blick an eine sanft gewellte Hügellandschaft, die sich über die gesamte Bildfläche erstreckt. Auf ihrer Anhöhe breitet sich, einer überdimensionalen Baumgruppe ähnlich, ein dichter schier unüberbrückbarer Wald ab, der sich in einem See widerzuspiegeln scheint. Auf einer weiteren Betrachtungsebene erinnert der lebendig gehaltene Pinselduktus an Wege. Wege, die sich kreuzen, die im Kreis oder ohne erkennbares Ziel verlaufen. So erinnern Jeongs Arbeiten in Teilen auch an das eigene Leben, in denen sich der Mensch an einer Kreuzung sieht und sich entscheiden muss, welchen Weg er oder sie künftig einschlagen möchte.
 Heehyun Jeongs Arbeiten haben die Fähigkeit, den Betrachter auf visueller Ebene emotional-suggestiv zu ergreifen. Es ist etwas, das den Betrachter packt, das ihn ergreift, das ihn trifft. Zumeist geht es im Werk von Jeong um das Zusammentragen von Beobachtetem, von der Wahrnehmung kleiner unscheinbarer Dingen aus der Natur. Jeongs Thema ist das Verborgene, das Unscheinbare, das im Dunkel liegende und Ausschnitthafte. Sie fordert den Betrachter dazu auf, sich diesen Dingen bewusst zu werden, indem sie ihn mit ihrer Machart dazu förmlich zwingt, auf das Bild zuzugehen, um ihm darin das Detail erkennen zu lassen und ihn gleichzeitig vom Bild zurücktreten zu lassen – auf Distanz zu gehen – um das große Ganze zu erkennen, zu verstehen. Das Gesamtbild ist aus Teilbildern zu rekonstruieren. Worauf es der Künstlerin ankommt, ist das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden und die eigene Wahrnehmung in einem logischen Zusammenhang zu bringen. „Natur setzt Zeichen für die Selbstwahrnehmung. Die Empfänglichkeit für die unter der sichtbaren Oberfläche der Naturerscheinungen wirkenden Kräfte setzt eine weitgehende meditativ-kontemplative Betrachtungsweise voraus, deren Vertiefung die gängige Beziehung eigener Gefühlszonen zu natürlichen Elementen, Erscheinungen oder Stimmungen sogar überwinden kann.“⁵
Heehyun Jeong bringt in ihren Bildern zum Ausdruck, dass sie nicht das malen möchte was sie weiß, sondern vielmehr das, was sie sieht. Bei der Reflektion über die eigene visuelle Wahrnehmung wird deutlich, was sie damit meint. So wird es nicht möglich sein, gleichzeitig unterschiedliche Punkte innerhalb des eigenen Sichtfelds scharf zu sehen. Alles, was sich um das fokussierte Objekt herum befindet, wird abgeschattet, der Aufmerksamkeit entzogen. Es kann nicht ebenso scharf gesehen werden, wie das fokussierte Objekt selbst. Diesen Effek macht sich Jeong in ihren Bildern zu Eigen, indem sie sie in Teilen verschwommen wirken lässt (aus der Reihe Pendula, 2013). Durch die Art der Umsetzung, hat die Künstlerin einen Grenzgang zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit beschritten. Die Reihe Pendula zeigt Jeongs Auseinandersetzung mit dem Prozess der Abstraktion: Ausgehend von einem konkreten Abbild, welches sie in der Natur beobachten konnte, stellt sie dieses vergrößernd dar, so dass sich das endgültige Bild kaum mehr auf die Vorlage zurückführen lässt. Der Betrachter wird dazu animiert »hinter« das Bild zu schauen, immer tiefer zu blicken, um zu entdecken.
Mit ihren künstlerischen Arbeiten schafft Heehyun Jeong einen Raum, in dem sich der Betrachter (gedanklich) frei bewegen kann. Der Betrachter schaut sich das Werk an, nimmt es sich zu Eigen und vollendet es mit seinen individuellen Interpretationen. Werk und Betrachter stehen in einer nonverbalen Kommunikation, wie bereits die Künstlerin während ihrem Schaffensprozess. „Was Natur vergebens möchte, vollbringen die Kunstwerke: sie schlagen die Augen auf.“⁶
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¹Gespräch, Interview des Verfassers mit Heehyun Jeong am 21. April 2014 in Braunschweig.
²Ebda.
³Ebda.
⁴Vgl. Jeong, Mi-Yeon: Heehyun Jeong. In: Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig / Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (Hrsg.): Re-Produktion. Künstlerische Dialoge mit Werken des Herzog Anton Ulrich-Museums, 27. Juni – 3. November 2013, DruckVerlag Kettler GmbH, Bönen 2013, S. 86.
⁵Osterwold, Tilman: Natur und Kunst. In: Wiener Festwochen (Hrsg.): Von der Natur in der Kunst. Eine Ausstellung der Wiener Festwochen, 3 Mai bis 15. Juli 1990, Messepalast Wien, Wien 1990, S. 25.
⁶Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie, Suhrkamp Verlag, 1. Auflage, Frankfurt am Main 1970, S. 104.
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Vom Zittern der Espe, Christiane Böhm, 2013
Was zittert da so hauchdünn und fragil über die Leinwand und hinterlässt seine Spuren?
Es ist das feine, rasche Zittern der zartstieligen Espenblätter, die schon beim kleinsten Windhauch, der durch das Blattwerk fährt zum, Beben gebracht werden und nur langsam wieder abklingen.
Die als Espe, Aspe oder auch unter der Bezeichnung Pappel bekannte Baumart, die die Namensgeberin der ersten Einzelausstellung Heehun Jeongs ist, trägt den lateinischen Namen Populus tremula¹. Nicht von ungefähr lässt sich eine Verbindung zwischen tremula und dem  italienische Tremolo herleiten, handelt es sich hierbei doch um die gleiche Wortgruppe, die sich vom italienischen Verb tremare „zittern“ oder „beben“ ableitet.
In der Musik steht dieser Ausdruck für das auf verschiedene Weise erzeugte Beben bei Tasten-, Streich- oder Blasinstrumenten, aber auch für die bebende Tonführung beim Gesang².
Dieses Zittern der Blätter von den Bäumen, die das Kunstschaufenster umgeben, ist es, das im Wechselspiel zwischen Luft und Laub zu einem Rauschen anschwillt und den Betrachter in die Bilder Jeongs hineinträgt.
Bei den Werken handelt es sich um vier gleichgroße Ölgemälde, die durch ihre expressive Malweise eine besondere Tiefenwirkung besitzen. Dabei liegt der Schwerpunkt der Bildmotive auf abstrahierten Naturdarstellungen. Mal nervös aufgekratzte, dann wieder fließend verlaufende Linien ziehen sich als feines Gespinst über die gesamte Malfläche. In einigen Bildern kommen deutlich pflanzenähnliche Strukturen in Form von gezacktem Blattwerk und Knospen zum Vorschein. Bei anderen Bildern sind die Vorlagen nur in Ansätzen oder vollkommen abstrahiert umgesetzt, sodass dem Betrachter Raum für eigene Assoziationen gegeben wird.
In ihrer Farbwahl orientiert sich Jeong an ihrer eigenen Stimmung und versucht zuweilen eine bestimmte Situation wieder heraufzubeschwören. So sind die Bilder mal in einem kräftigen Dunkelrot gehalten, mal in Pastelltönen gemalt, die den Eindruck erwecken, das Bild sei wie in Nebel getaucht.
Die Natur ist es, die Jeong, die im Sommer 2013 ihr Diplom bei dem Künstler und HBK-Professor Olav Christopher Jenssen absolviert hat, als zentrale Inspirationsquelle dient.
Zum Anfertigen von Naturstudien verbringt sie viel Zeit im Botanischen Garten in Braunschweig oder auf Reisen. Was genau den Reiz an der Natur für sie ausmacht, kann sich Jeong selbst nicht erklären. Irgendwo bleibt für sie immer ein Zauber, eine unbekannte Komponente, die den Impuls gibt nicht vom Forschen abzulassen und stattdessen fortzuführen.
Diese ersten, eher kleinformatigen tierähnlichen oder pflanzlichen Zeichnungen, die die Künstlerin bei vorherigen Gruppenausstellungen präsentiert hat, bezeichnet sie selber als einen Zwischenschritt in ihrer Arbeit. So dienen sie als Vorstudien für die auf Leinwand entstehenden Ölmalereien.
Die Ölgemälde Espe I-IV wirken wie für die Gegebenheiten des Kunstschaufensters geschaffen. Sowohl im Format als auch in der Farbgebung entsteht eine harmonische Einheit mit der Ausstellungsräumlichkeit.
Da die Bilder frei im Ausstellungsraum zu schweben scheinen, verleiht ihnen dies eine ungeheure Leichtigkeit. Auch aufgrund der Tatsache, dass die Bilder nicht gerahmt sind, haben die Gemälde den Freiraum, den sie brauchen um sich entfalten zu können.
In der Verlängerung zu dem Kunstschaufenster aber, das sich in vier Einzelflächen abgegrenzt, wirken sie gerahmt. So steht jedes Bild für sich, kann aber auch im Ensemble gesehen werden.
Beim Betrachten der Kunstwerke mit ihren pflanzlichen und organischen Bildmotiven kann der Blick, je nachdem welche Position der Zuschauer zu den Ölgemälden einnimmt, zwischen zwei Ebenen changieren: Der Besucher kann seine Konzentration entweder ausschließlich auf die Gemälde richten, oder aber auch der Spiegelung in der Glasscheibe des Schaufensters Beachtung schenken und darin die vor dem Gebäude stehenden Bäume entdecken. Dadurch wird das Glas des Schaufensters zu einer Verlängerung der Leinwand als Bildträger, sodass die abstrahierte Natur, die in der Malerei nur angedeutet wird mit der realen Landschaft, die die Kunst umgibt, verschmilzt und zu einer überraschenden, neuen Komposition wird.
Der Zuschauer entscheidet dabei selber, ob er das Innere nach Außen oder das Äußere in das Innere hineinholen will und wie weit diese Symbiose gehen soll.
Über den Bildträger hinausgehend erweitert sich die visuell zu erforschende Fläche für den Betrachter: Er kann die Bilder  auf einer zusätzlichen Ebene, durch die tatsächlich präsente Natur wahrnehmen.
Er sieht nicht nur die Bilder, sondern riecht die Blätter und hört auch das Rauschen, das durch die Bäume geht, sodass nun auch Geräusche Einzug in die Bilder nehmen.
Es ist die Möglichkeit des Hin- und Herwechseln zwischen den Betrachtungsebenen, die Heehyun Jeongs Arbeiten einen weiteren Reiz verleiht und somit das Beben oder Erzittern  für den Zuschauer aktiv erfahrbar macht.
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¹Stinglwagner, Gerhard K.F., Ilse E. Haseder, Erlbeck, Reinhold: Das Kosmos Wald- und Forstlexikon, 3. Auflage, Franckh-Kosmos Verlag – GmbH&Co. KG, Stuttgart 2005, S. 635.
²Duden – Fremdwörterbuch, 7., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Duden Band 5, Mannheim 2011, S. 1009, Stichwort Tremolo.